WHERE THE STORIES ARE

Gepostet von am Apr 25, 2012 | 1 Kommentar

WHERE THE STORIES ARE

Seit jeher ist das Kino eine Attraktion, eine atemberaubende Entertainmentmaschinerie, die Bilder produziert und entwirft; Bilder, die wir lieben oder hassen, die uns fesseln oder kalt lassen, die uns eine Auszeit aus dem Alltag gönnen oder die uns nachhaltig beschäftigen. In den 1950er Jahren, in der Mitte seines Schaffens, kämpfte vor allem das US-amerikanische Kino, nach all seinen Monumentalschinken und Musicalfilmen, gegen einen neuen Konkurrenten an, der zum vorzeitigen Leitmedium avancierte: Das Fernsehen.

Der Faszination über eine Bildermaschine, die die entworfenen Projektionen ins heimische Wohnzimmer überträgt, konnte sich keiner entziehen. Das TV-Gerät verbreitete sich schnell, ein regelrechter Hype entwickelte sich, der nicht nur das Fernsehen und seine gesendeten Formate als solche veränderte, sondern auch Einfluss auf das Kino ausübte: Die Einführung und der Vertrieb des Fernsehens glich einer Zäsur, die das US-amerikanische Kino revolutionierte: Man musste sich neu erfinden, sich gänzlich von den Zwängen des Studiosystems lösen, neue Techniken entwickeln (Cinemascope, Vistavision etc.), um das Wohnzimmer-Volk wieder ins Kino zu locken.

Seit dieser Zeit hat sich vieles verändert. Während das US-amerikanische Kino zudem Konkurrenz aus Europa (Ital. Neorealismus/Franz. Nouvelle Vague) und Asien (Kurosawa/Ozu, später Kar-Wai/Kitano etc.) erhielt, entwickelten sich Fernsehserien zu ertragreichen Produktionen. Die Traumfabrik lotete in den 1970er Jahren zu Zeiten der „New Hollywood“-Epoche seine künstlerischen Ambitionen aus, um später dank der Einführung des Computers, der neue Möglichkeiten, vor allem im Bereich der Spezialeffekte, bot, den Blockbusterfilm für sich zu entdecken, blieben Fernsehserien bis in die späten 1980er hinein ihren zumeist familientauglichen Konventionen treu, obgleich man mit der populären Soap-Opera „Dallas“, die vom Leben, den Intrigen und Machtkämpfen einer texanischen Großfamilie erzählt, ein neues TV-Zeitalter einläutete.

Dennoch versteht sich „Twin Peaks“ (1990), dieses mystische Serienkiller-Format, als einflussreicher Meilenstein, der nachfolgende TV-Serien prägte und inspirierte, weil seine beiden Schöpfer David Lynch und Mark Frost die Komplexität des Serienformats, seine seriellen Strukturen, seine epischen Narrationsmöglichkeiten und die profunde Charakterisierung aller Figuren verstanden und umsetzten. Noch heute gilt die Serie, die surrealistische Elemente und verschiedene Genres miteinander verwebt, als einzigartig, als großer Moment der Fernsehgeschichte. Wenn man will, ist „Twin Peaks“ der Vorläufer der Mystery-Serie „Akte X“, die in den 1990er Jahren einen regelrechten Hype auslöste.

Das Format änderte zunehmend seine Erzählform. Über die Dauer einzelner Episoden hinaus behandelte man Haupt- und etablierte Subplots, was die Story und seine Figuren um ein vielfaches vertieften. Natürlich verstanden sich Publikumsserien wie „Baywatch“, „Beverly Hills 90210“ oder „Melrose Place“ weiterhin als wenig innovative, aber äußerst erfolgreiche Formate. Kunst für die Massen blieb immer noch eine Ausnahme: Den großen Siegeszug in den 1990er Jahren entschieden leicht zu verdauende und heitere Serien wie „Seinfeld“ und „Friends“, die das Genre der Sitcoms begründeten, oder die bis heute beliebten Ärzteserien wie „Emergency Room“. Serien, die keinem weh tun.

Mit dem Millennium schien ein künstlerischer und erfinderischer Prozess im US-Kino zu stagnieren, was, und das ist die Crux, keinen rückläufigen Einfluss auf die Box-Office-Ergebnisse der Filme ausübte. Ganz im Gegenteil. Der Blockbusterfilm erfreute sich eines Erfolges, der auf die inflationäre Adaption jeden noch so unbekannten Comics und der Weiterentwicklung computeranimierter Effekte zurückzuführen ist. Sequel folgte auf Sequel, Hulk, Spider-Man und Co. retteten in regelmäßigen Abständen auf der Kinoleinwand die Welt vor machtbesessenen Bösewichten, Actionfilme wurden schneller und sinnbefreiter. Der Zuschauer durfte und darf sich entspannen: Der Hirnschmalz blieb und bleibt zuhause. Zumindest erschreckend oft.

Das mag ein Grund dafür sein, wieso das Kino nicht immer die erste oder die nächste Anlaufstelle für etablierte Hollywoodschauspieler ist (z. B. James Gandolfini, Tim Roth, Steve Buscemi). Während das Kino, man entschuldige meine Wortwahl, zunehmend dämlicher wird und ein Publikum anzusprechen versucht, das sich gerne von Scheiße berieseln lässt, avanciert das Fernsehen auf intellektueller und künstlerischer Ebene zur veritablen Alternative. Qualitative Serien wie die des US-Senders HBO („Die Sopranos“, „The Wire“ oder „Boardwalk Empire“) erzählen komplexe Epen mit den „production values“ eines Kinofilms. Selbst Serien wie „Breaking Bad“ oder „Dexter“, die man durchaus als Mainstreamprodukte verstehen kann, gehen tiefer als die Vielzahl der angekündigten Kinofilme. Einzelfälle ausgeschlossen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Und das Kino bekommt in Tagen der Internetpiraterie einen weiteren Konkurrenten, den man besser nicht ignorieren sollte. Die Antwort, die die US-amerikanische Filmbranche auf seinen heimlichen Rivalen gibt, ist eine bescheidene: 3D, 3D-Konvertierungen alter Filme im neuen Gewand, Sequels und Comicverfilmungen und natürlich Sequels von Comicverfilmungen. Solange der Dollar rollt, wird sich daran nichts ändern. Vielleicht kommt eines Tages der Einschnitt und man besinnt sich der Stories, die es wirklich wert sind, adaptiert zu werden. Bis dahin ist alles eine Frage der Basisdemokratie: Der Kinozuschauer erhält die Filme, die er verdient.

 

Bild: via flickr by .reid.

1 Kommentar

  1. Genau.

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