VON KARTOFFELN UND METRO-DEUTSCHEN

Gepostet von am Jun 4, 2012 | Keine Kommentare

VON KARTOFFELN UND METRO-DEUTSCHEN

Von Hake

„Urdeutsche“, „Biodeutsche“ auf der einen, „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Einwanderer“ auf der anderen Seite. Auf der Bundeskonferenz für Integration offenbarte sich, dass selbst ins Thema eingearbeitete Personen gewisse Schwierigkeiten haben, wenn es um eine Differenzierung zwischen Deutschen und Deutschen geht. Aber warum klingt es seltsam, wenn Integrationsexperten zwischen „Urdeutschen“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ unterscheiden? Sicherlich, wenn es um einen Vergleich beim Engagement in einem Verein geht und man eigentlich positiv die zunehmenden Zahlen der teilhabenden Migranten hervorheben möchte, liegt es nahe, diese Zahlen mit denen der Menschen ohne Migrationshintergrund zu vergleichen. Aber gleich Menschen in „Menschen mit Migrationshintergrund“ und „Ur- oder Biodeutschen“ zu differenzieren, klingt dann doch irgendwie nicht richtig.

Die nicht ohne Grund als Unwort des Jahres 2008 vorgeschlagene Formulierung des „Menschen mit Migrationshintergrund“ mag definitorisch zwar richtig sein, wirkt aber ausgrenzend und fast ebenso befremdlich wie die Begriffe „Ur- oder Biodeutsche“. Es wird, ironischerweise auch bei Integrationspolitikern, weiterhin an Begriffen festgehalten, die in vielen Köpfen eine gewisse Andersartigkeit und Fremde konserviert. Das ist ärgerlich. Auf mich wirkten die auf der Bundeskonferenz vorgebrachten Gegenstücke, „Urdeutsche“ und „Biodeutsche“, irgendwie amüsant. Aber nur im ersten Moment. Auch wenn auffiel, dass durch Verweise auf die Biologie oder Stammbäume der Sprung zur braunen Rassenlehre nicht mehr weit war, haben diese Bezeichnungen keinerlei Protest bei den anwesenden Migrantenvertretern ausgelöst. Warum nicht? Mag sein, dass sie solche platten Wortschöpfungen gepflegt überhörten (oder schon zu oft gehört haben) und sich lieber darauf konzentrierten, dass ihnen (wie auch immer man „sie“ nennen möchte) inhaltlich Gehör geschenkt wird. Oder sie, für die es noch immer keine von allen Seiten akzeptierte Bezeichnung gibt, denken, dass Bezeichnungen wie „Urdeutsche“ genauso scheiße klingen wie „Menschen mit Migrationshintergrund“ – nur halt nicht so sperrig. Oder aber sie lachten sich innerlich kaputt darüber, wie verlegen gestandene Politiker bei ihrer Wortwahl rumeiern, wenn sie zwischen Deutschen und Deutschen differenzieren wollen.

Was auch immer in den Köpfen der Konferenzteilnehmer vorgegangen ist: Vor allem Politiker sollten sich an dieser Stelle fragen, wie man verhindern kann, dass das Miteinander unabhängig von nationalen, ethnischen und religiösen Hintergründen nicht durch Sprache beeinträchtigt wird. Ich weiss es nicht. Die taz wusste 2010 auch nicht weiter und hat daher ihre Leser befragt: Hier wurden neben „Neudeutscher“ und „Migra“ auch „Antivergreisungshelfer“ oder „Metro-Deutscher“ als Ersatz genannt für die grässliche „Menschen mit Migrationshintergrund“-Formulierung. Die Befragung endete jedoch in der Erkenntnis, dass „sich viele ein anderes Wort wünschen, aber leider kein richtig Griffiges zur Hand ist“. Schön und gut, aber was ist mit den „Biodeutschen“? Sollte es dann, wenn es schon kein befriedigenderes Wort für Menschen mit Migrationshintergrund gibt, nicht konsequenterweise auch einen Wettbewerb zur Klärung der offiziellen Bezeichnung von Menschen ohne Migrationshintergrund geben? Ich nominiere schon mal das Wort „Kartoffel“ in der Hoffnung, das es eine solche Umfrage irgendwann geben wird.

Bild von Fritz Bornkessel via Fotocommunity

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