THIS IS NOT YOUR ISLAND. THIS IS OUR ISLAND.

Gepostet von am Mai 25, 2012 | Keine Kommentare

THIS IS NOT YOUR ISLAND. THIS IS OUR ISLAND.

Es ist der moderne Menschheitstraum. Einfach mal weit weg von allem zu sein. Abstand halten zu Lärm, Stress, Beton, Verboten, Geboten, Bevormundung, Menschenmassen und allem, was  in der hochzivilisierten, technisierten Welt unsere menschliche Natur zuweilen überfordert. Wir sehnen uns ab und an nach einem ursprünglicheren Leben, ohne ständige Erreichbarkeit und unsichtbare Autoritäten, deren Regeln zu befolgen sind. Deshalb buchen wir auch Fernurlaube, um mal „off-the-grid“ zu sein.

Dieser Traum wurde schon unzählige Male in Literatur, Film und Fernsehen näher beleuchtet. Von „Robinson Crusoe“ zu „Herr der Fliegen“, von „The Beach“ zu „LOST“, dreht sich immer wieder alles um das Motiv der menschlichen Natur. Wie sähe eine Gesellschaft aus, die absolut autark agiert? Welche Regeln und Gesetze wird man sich selbst auferlegen, da man sie für ein friedliches Miteinander für unabdingbar hält? Erfindet man Urheberrecht und Betäubungsmittelgesetz? Oder lässt man es doch bei einem Strafgesetz, das Kapitalverbrechen verbietet und bestraft? Da ist wohl die Frage, welche Art von Unrecht schon von Natur aus dem Menschen als solche zu erkennen ist, und welche Art von Unrecht erst uns durch Erziehung, Sozialisation und Angst vor Strafe eingebläut wird.

Wie verhalten sich die Menschen, wenn es keine Grauzonen und ungesühnten Überschreitungen der Gesetze gibt, sondern die Autorität ein bekanntes Gesicht hat?

Für mich klingt das absolut verlockend. Geradezu ein Paradies, wenn man ein positives Menschenbild hat. Aber da hilft nur eine Feldstudie.

Es gibt einen Ort auf diesem Planeten, der wirklich weit weg ist. Also völlig ab vom Schuss.  Nein, nicht so wie Niederbayern, sondern eher unerreichbar wie die namenlose Insel von „LOST“. Die nächste größere Ansammlung von Menschen befindet sich ganze 5000 Kilometer entfernt von Pitkern, einer Insel mitten im Pazifik. 5000 Kilometer nach Neuseeland und 5700 Kilometer nach Südamerika. Nirgends ist die Zivilisation so weit weg wie hier. Zwar gehört die Insel zu Groß-Britannien, aber viel hat man auf der Insel nicht zu melden. Am liebsten würden die Briten die Insel loswerden, die Bewohner wehren sich jedoch dagegen, da so einige Gelder fließen.

Pitkern hat genau 61 Bewohner. Interessanterweise sind sie Nachfahren der Meuterer auf der Bounty und ihrer polynesichen Frauen. Wenn man sich etwas mit der Besiedlungsgeschichte von Pitkern beschäftigt, ist man schon etwas ernüchtert von der menschlichen Natur. Aber das schiebe ich mal auf den Zeitgeist. Kolonialisten, sind eben immernoch dieseleben, auch wenn sie sich auf einer einsamen Insel verstecken. Wichtiger ist das Pitkern von heute.

Die Bewohner sind Selbstversorger, Toiletten mit Wasserspülung hat man seit 2003 und alles, was man noch so braucht, bringt ein Schiff alle paar Monate vorbei.

Pitkern zu erreichen ist äußerst schwierig. Es gibt keinen Hafen, geschweige denn einen Flugplatz. Wenn größere Kreuzfahrtschiffe vor Pitkern vor Anker gehen, fahren die Inselbewohner mit ihren kleinen Booten dahin, um ihren Krempel an die Touristen zu verkaufen. Die Inselgemeinde bleibt meist unter sich. Der Magistrat hat sich entschieden, keine Aussteiger aufzunehmen. Man habe „schlechte Erfahrungen“ gemacht. „This is not your Island. This is our Island.“

Es gibt einen Bürgermeister und einen Inselrat. Man hat sich offensichtlich für eine Demokratie entschieden, anders als in den meisten Literaturversionen des „Lonely Island“-Motivs.

Aber was sind das für Menschen, die seit Generationen eigene Werte, Traditionen und Regeln entwickeln durften. In meinem Kopf wirbeln großartige Vorstellungen von einer anarchistischen Gesellschaft ohne Notwendigkeit von Autorität mit absoluter Gleichheit von Mann und Frau. Fernab von religiösen oder autoritären Einflüssen, die eine männerdominierte Gesellschaft hervorbringen muss. Die Pitkerner müssten doch genau so leben, wie es ihrer menschlichen Natur am ehesten entspricht, oder? Die menschliche Unschuld muss doch eine „gute“ Gesellschaft vorbringen?

Allzu viel Kritik an unserer Zivilisation ist anscheinend doch nicht so fair. Die Wahrheit ist erschütternd.

Sich von den Ursprüngen seiner Vorfahren zu lösen, ist wohl schwieriger als gedacht. Die Einwohner Pitkerns sind Angehörige einer streng religiösen christlichen Sekte. Es herrschen Alkoholverbot, Tanzverbot, Rauchverbot und Spielverbot.

Inzucht ist kaum zu vermeiden, aber größere körperliche Schäden hat die Bevölkerung nicht davongetragen. Nur der Diabetes, als Erbkrankheit mit großer Durchsetzungskraft, ist ein großes gesundheitliches Problem geworden.

1999 sandte man eine britische Polizistin nach Pitkern, die einigen Meldungen über sexuellen Missbrauch an Minderjährigen nachgehen sollte. Die Tochter eines britischen Missionars wurdezuvor  von einem Pitkerner missbraucht. Die Polizistin sollte sich ein eigenes Bild von den Zuständen im „Paradies“ machen. Ihr Fazit: Auf Pitkern galt das „Faustrecht“. Polygamie, Inzest, Pädophilie waren Usus.

In der Folge wurde sieben von 12 erwachsenen Männern vorgeworfen, sich in 96 Fällen an Minderjährigen vergangen zu haben. In ihrer Verteidigung vor Gericht, das eigens für diesen Prozess auf Pitkern gebaut wurde, beriefen sich die Männer auf ein über 200 jähriges Gewohnheitsrecht. Sex mit minderjährigen Mädchen sei auf Pitkern völlig normal.

Eine Gruppe mächtiger Pitkerner hatte für sich das Recht beansprucht, über jede Frau, nach der es sie gelüstete, verfügen zu können. Unter den Männern galt die Ansicht, dass Mädchen im Alter von 12 Jahren „erstmal zugeritten“ werden mussten.

Jetzt hat Pitkern auch ein Gefängnis bekommen und ein paar Sicherheitsbeamte aus Neuseeland gab es gratis dazu. Für minderjährige Touristen ist der Aufenthalt auf Pitkern neuerdings untersagt.

Das sind ernüchternde Nachrichten aus dem „Paradies“.

In unserer Sehnsucht nach der ursprünglichen Lebensweise im Einklang mit unserer menschlichen Natur romantisieren wir schnell diese Vorstellung. Das Leben unter Millionen von Menschen ist zuweilen erdrückend, die Regeln und Gesetze überfordernd, jedoch dürfen wir nicht vergessen, dass wir so einen Weg gefunden haben, das Schlechteste in unserem Wesen, den Wolf, im Zaume zu halten.

Ich buche jetzt mal meinen Urlaub in Niederbayern.

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