Theater: MIGRANTENLABYRINTH

Gepostet von am Jun 15, 2012 | Keine Kommentare

Theater: MIGRANTENLABYRINTH

Es gibt viele künstlerische Wege, Menschen zu berühren, Gedanken anzuregen und Gefühle zu wecken. Worte gehören sicherlich zu den stärksten. Wenn einem aber Worte und Gesten, Blicke und Schauspiel im Alltag mitten auf der Straße entgegengeschmettert werden, erscheint dies vielleicht zunächst ungewohnt, tatsächlich aber regt es den Körper und Geist vieler Menschen zum Innehalten und Erleben an.

Genau das macht das Junge Theaterlabor Darmstadt mit ihrem Stück “Migrantenlabyrinth – Mein Koffer ist mein Zuhause!” seit Anfang Juni an diversen Plätzen in Darmstadt. Mit dem Straßentheaterstück zum Thema Einwanderung, Identifikation und Heimat zieht das junge Ensemble, dessen Darsteller ganz unterschiedliche Wurzeln haben, durch die Straßen und wirbelt dabei die Gefühle der Zuschauer auf.

Für viele der Schauspieler, die zwischen 17 und 28 Jahre alte sind, ist es die erste Erfahrung mit dem Theaterspielen. Dennoch meistern sie die oft anspruchsvollen Situationen, die während des Straßentheaters entstehen können, souverän. Der multinationale Hintergrund und die tolle Leistung der Schauspieler verleiht dem Stück genau die Authentizität und Wirkung, die es benötigt, um in der knappen Zeit von etwa 40 Minuten die Gefühle eines völlig unvorbereiteten Straßenpublikums zu wecken und es in den Bann zu ziehen. Viele der Zuschauer stammen selbst aus anderen Ländern und fühlen sich nicht nur angesprochen, sondern auch verstanden, wie die Gespräche zwischen dem Publikum und den Darstellern nach den Aufführungen beweisen.

Aber auch viele, für die Migration nie ein Thema war, bekommen einen aufwühlenden Einblick in eine Welt, die geprägt ist von Herausforderungen und Schicksalsschlägen. Das eindringliche Stück spielt bewusst mit Klischees und Situationen, die vielleicht ein Schmunzeln hervorrufen, welches einem aber schnell wieder vergeht, wenn man sich plötzlich der Tragik hinter den zahlreichen Einzelschicksalen der “Menschen ohne Heimat” bewusst wird. Diese Brücke schlagen die Schauspieler perfekt und hinterlassen bei vielen Zuschauern nicht nur Gänsehaut oder einen neuen Blick auf das Thema Migration. Das Theaterstück macht einigen Zuschauern auch Mut, denn es erzählt eine Geschichte, in der sich viele Menschen in Deutschland wiederfinden werden.

Der Projektleiter des Stücks, Kai Schuber, hat uns ein paar Fragen beantwortet.

 

 

AMUSINGKIDS: Die Darsteller wurden von dir angesprochen, ob sie bei dem Projekt mitwirken möchten. Wie bist du dabei vorgegangen?

Kai Schuber: Ich hatte bereits drei bis vier Darsteller, die zu meiner festen Truppe gehören. Dazu kamen noch etwa acht bis neun neue Darsteller, die ich gezielt an Orten, die für Einwanderer bedeutsam sind, angesprochen habe. Zum Beispiel besuchte ich Sprachkurse, Bildungszentren und erkundigte mich dort unter den Menschen, wer neu in Deutschland war. Ich lud einige von ihnen zu einem Kennenlerntag ein, um ihnen das Projekt Migrantenlabyrinth näher zu bringen. Natürlich gab es unter allen, die zunächst mitmachten auch einige, die vorzeitig ausstiegen. Man darf die Anstrengungen des Theaters nicht unterschätzen und einige kostete es schlicht zu viel Kraft, neben dem Alltag auch noch dieses Projekt zu stemmen.

Die Arbeit mit Menschen so unterschiedlicher Kulturen bringt automatisch auch immer wieder gewisse Differenzen hervor. Auch wenn die Gruppe nach all den Proben, der Arbeit am Stück und den Aufführungen mittlerweile erschöpfter ist, hält das Team zusammen, um eine gute Leistung zu zeigen.

AMUSINGKIDS:  Wie geht es mit den Darstellern weiter?

Kai Schuber: Ab August beginnen wir mit einem neuen Projekt, in dem es um die Schnelllebigkeit in der Jugendwelt geht. Auch hier soll eine Begegnung stattfinden, die Menschen unterschiedlicher Umfelder zusammenbringt. Es geht um die Perspektive aus der Sicht eines jungen Menschen.

Natürlich lernen alle immer dazu, auch die Projektleitung. Vielen der Darsteller wird klar, dass Theaterspielen nicht einfach nur ein Hobby ist. Es erfordert viel Zeit und Engagement. Die Texte entstehen außerdem sehr häufig in direkter Zusammenarbeit mit den Darstellern.

AMUSINGKIDS: Wie sind die Publikumsreaktionen?

Kai Schuber: Viele der Zuschauer sprechen einfach nur ihren Dank aus. Sie sind glücklich und teilweise sehr emotional. Manche weinen auch, weil es ihnen auf Grund ihres eigenen Schicksals sehr nahe geht.

Obwohl wir stellenweise mit Klischees und Übertreibungen arbeiten, wecken wir immer auch Erinnerungen der einzelnen Zuschauer. Daher kommt das, was man gemeinhin als Klischee betrachtet, auch nicht falsch rüber. Im Gegenteil, es berührt die Menschen sehr.

Selbstverständlich haben wir auf der Straße auch theateruntypische Reaktionen aus dem Publikum. Zwischenrufe zum Beispiel. Aber auch solche Reaktionen gehören dazu und sind erwünscht. Man muss nur richtig auf die Reingröler eingehen und sie dazu bringen, sich auf ihre Gefühle einzulassen.

 

ACHTUNG! Heute letzte Aufführung! 15.06.2012 – 18.30 Uhr – Ludwigsplatz (Darmstadt, Nähe C&A/Saturn)

Facebook-Veranstaltung

 

Fotos: Knox Oversick

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