REALE VIRTUALITÄT

Gepostet von am Jul 14, 2012 | Keine Kommentare

REALE VIRTUALITÄT

Ist Schlussmachen per SMS immer noch so verrufen? Wieso eigentlich? So lernt man sich heute doch auch kennen. Man kann mit dem Smartphone ja nahezu alles machen. Telefonieren (macht keiner mehr), chatten, surfen, sich den Weg zeigen lassen, Ticktes buchen, Fotos machen, Sexfilmchen drehen, dem Hund einen Friseurtermin machen, eine Pizza bestellen oder sein Leben auf viele andere Arten vermeintlich erleichtern. Wenn das Telefon dann herunter fällt, ist alles kaputt, nicht nur das Display. Was folgt ist der Facebook-Post “Habe im Moment kein Handy!”.

Die Kommunikation auf elektronischem Weg vermittelt uns durch den damit einhergehenden Abstand zum Gesprächspartner ein Gefühl von Sicherheit. Sie baut Hemmungen ab und sie verlängert unsere Reaktionszeit auf Fragen oder Anschuldigungen, ohne dass wir uns dafür rechtfertigen müssen. Sie bietet mehr Spielraum für Ausweichmanöver und, ob gewollt oder nicht, mehr Interpretationsmöglichkeiten für das Gegenüber. Letztendlich gehen wir alle anders mit den Gegegebenheiten der Touchscreen-Kommunikation um, egal ob sie uns nun ein Gefühl der Sicherheit oder Unsicherheit gibt. Das Mobiltelefon ist heute mehr als ein simples Gerät, welches zum Austausch von kurzen Informationen wie ”Mein Zug hat leider Verspätung” dient. Es ist zu unserem Mund und unseren Augen geworden. Manche Menschen durchleben ihre Beziehungskrisen auf einem Display.

Die Bedenkzeit zwischen jeder neuen Nachricht, der bewusste und zur Not verzögerbare Druck auf Senden-Button, verleiht uns Kontrolle. Kontrolle über das Gespräch an sich und auch Kontrolle über uns selbst. Abwarten, abwägen, reagieren und wieder von vorne. Ist die mittlerweile überall integrierte Empfangsbestätigung bzw. “Lesebestätigung” für Nachrichten in Facebook, Whatsapp usw. nicht die Bestätigung unseres immer größer gewordenen Kontrollwahns? Warum muss ich wissen, ob jemand “gerade schreibt”? Vielleicht um misstrauisch zu werden, wenn anschließend doch keine Nachricht kommt? Ausreden wie “Ich habe die Mail nicht bekommen.” zogen eine Weile, aber nun fällt sogar die Behauptung flach, man habe sie noch nicht gelesen. Diese Gewissheit über die Aktionen des Gegenübers verleihen natürlich eine überlegene Position. Man kann nun direkt vorgehalten bekommen, wenn man nicht auf eine Nachricht reagiert, sie aber schon vor Stunden gelesen hat. Und es passiert. Jeder weiß es. Wer heute nicht mehr sofort verfügbar ist, macht sich schon fast verdächtig. “Was ist da los? Wieso antwortet er/sie nicht? Nicht mal ein ‘Ich kann gerade nicht’ Da stimmt doch etwas nicht.” Natürlich sind solche Gedanken nicht die Regel, aber mir scheint, sie kommen immer häufiger vor, speziell in Beziehungen, die stark von der elektronischen Kommunikation geprägt sind.

Eine Textnachricht ermöglicht den impulsiven Ausdruck bzw. das sofortige Mitteilen eines Gefühls oder einer Beobachtung. Immer öfter werden Erlebnisse und Emotionen nicht mehr nur erlebt, sie werden unverzüglich geteilt, noch bevor man von etwas wie Wirkung oder gar Verarbeitung sprechen kann. Ein gutes Ereignis muss heute vor allem teilenswert sein. Videos, Fotos, Standorte, Statusbericht, Tweets. Bilder des Mittagessens oder gar noch direkt aus dem Urlaub. Wieso auch warten? Ich mache gerade eine handyfreie Woche und es ist mir in dieser Zeit oft passiert, dass ich einen Gedanken hatte oder etwas fotografieren wollte und anschließend sofort jemandem schicken oder sonst wo posten wollte. Sich selbst dabei zu ertappen, dass man plötzlich leicht erschrocken merkt, dass man ja leider kein Handy dabei hat, ist wirklich amüsant. Aber auch bedenklich. Denn das Handy ist einfach immer präsent. Die Situation, in der man mit mehreren Freunden in einer gemütlichen Runde sitzt und zeitweise jeder sein Smartphone in der Hand hält, dürfte jedem bekannt sein. Umso trauriger. Aber anscheinend reicht es uns nicht mehr, mit vier oder fünf Freunden in einer Bar zu sitzen und sich einfach nur zu unterhalten, zu interagieren. Irgendetwas scheint uns ja zu fehlen, sonst würden wir die Telefone doch in der Hose stecken lassen. Nur was?

Die Option, ein Gefühl per Nachricht zu senden, statt es einem Menschen persönlich und direkt entgegen zu bringen, kann durchaus als Schutzschild betrachtet werden, da diese Art des Gefühlsausdrucks jeder augenblicklichen Gegenreaktion oder Konsequenz entbehrt, wenn man z.B. sein Handy anschließend abschaltet, beiseite legt oder einfach nicht mehr antwortet. Die eventuell gereizten Emotionen (insbesondere des Gegegenübers) gehen dadurch, dass man sich einer Auseinandersetzung ganz kontrolliert entziehen kann, auf eine gewisse Art verloren, weshalb es die  Inhalte vieler Chatgespräche nie in die Realität schaffen und beim nächsten persönlichen Treffen mehr oder weniger hinfällig sein können, wenn sich die Gemüter wieder beruhigt haben. Es kann natürlich auch der ebenso extrem fragwürdige Fall eintreten, und eine nicht selten schwerwiegende Diskussion wird über Stunden hinweg im Chat oder per SMS geführt, ohne dass man überhaupt jemals zu einem Konsens findet, weil zwei entscheidende Faktoren in der Auseinandersetzung schlicht fehlen: Die Menschen, die Körper.

Vielleicht und gerade weil elektronische Konversationen vom Vergessen und unüberlegtem Handeln geprägt sind, fühlt es sich doch insgeheim gut an, dass einfach jede Nachricht irgendwo gespeichert wird, oder? Die Möglichkeit, selbst noch nach Jahren alte E-Mails oder Nachrichten auf Facebook zu lesen, die SMS der oder des Ex noch einmal zu öffnen oder einfach lange zurückliegende selbstverfasste Mails auf den Inhalt und Bezug zum Jetzt zu prüfen, ist verlockend. Das weiß auch Facebook, weshalb einfach alles gespeichert wird. Selbst die Profillöschung nimmt keinen Einfluss auf die digitalen Erinnerungen und mit nur einem Klick ist alles wieder da. Manch einer mag diese private digitale Bibliothek, den virtuellen Hirnabdruck, auch nutzen, um andere auf lange zurückliegende Aussagen oder Fehler aufmerksam zu machen, wenn es sich als vorteilhaft erweisen sollte. “Er hat diese Frau doch damals schon in dieser einen Mail erwähnt und meinte noch irgendwie, sie wäre nur eine Arbeitskollegin.” Nach einer großen Datenlöschaktion wurde mir persönlich neulich klar, dass ich hunderte alter Mails oder 5379 SMS einfach niemals wieder lesen werde, auch wenn ich im Moment des Speicherns denke, “Ach, hebs mal lieber auf.”.

Wer kennt schon noch den Inhalt der meisten Mails oder Kurznachrichten, die manchmal, speziell gebrochenen Herzens, auch sehr lang werden können, wenn genügend Zeit vergangen ist. Sie werden bedeutungslos. Die Taten meines Gegenübers werden es aber nicht. Denn sie formen den Charakter mehr als jede SMS oder jeder Anruf. Und darauf kommt es an. Auf das, was wir tun, wenn wir mit Menschen aufeinandertreffen. Nicht auf das, was wir per Knopfdruck in Chats posten.

Jeder hat es in der eigenen Hand. Und damit meine ich nicht das Handy.

 

 

Artikelbild via iphonespyapp

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