MUTTERGLÜCK

Gepostet von am Feb 22, 2012 | Keine Kommentare

MUTTERGLÜCK

Maria freute sich so sehr auf die Geburt ihrer kleinen Tochter. Endlich ein kleines Geschwisterchen für Lucas. Der Achtjährige hatte sich schon seit langer Zeit eines gewünscht. Seitdem er zur Schule ging, hörte Maria immer öfter: „Warum habe ich keine Geschwister?“ Ihr Mann und sie waren sich einig, 2 Kinder sollten es sein. Ein Bub und ein Mädchen.

Der schöne Plan drohte zu scheitern, weil eine vorangegangene Eileiterschwangerschaft die Wahrscheinlichkeit erneut schwanger werden zu können, erheblich reduziert hatte. Als ihr Frauenarzt ihr diese Nachricht mitteilte, wuchs ihr Wunsch nur umso stärker. Maria sagt heute, dass ihr Ehemann und sie beschlossen „zu üben und zu üben“, bis es endlich klappen würde. Und es klappte. Sie war schwanger. Ein Mädchen sollte es werden.

Wenn Maria heute von dieser Zeit erzählt, klingt das seltsam distanziert. Als ob sie vom Leben eines Anderen berichten würde. Es wird offensichtlich, dass ihr das Erlebte so sehr zugesetzt hat, dass sie seitdem ein anderer Mensch ist.

Die Schwangerschaft verlief ohne Probleme. Sie kannte das ja alles schon vom ersten Kind. Bei der ersten Schwangerschaft hatte sie einen dicken Stapel Bücher gelesen und alle Ratschläge verfolgt.  Sie gab dem Kind auch diesmal bereits im Bauch seinen Namen und sprach viel mit ihm. Lara sollte es genauso gut haben wie Lucas. Die kleinen Fehler, die man hier und da noch beim ersten Mal macht, sollten sich nicht wiederholen.

Auch die Geburt verlief komplikationslos, wie Maria es erwartet hatte. Nach der Geburt erzählte ihr Arzt etwas von einem „Baby-Blues“, der manche Mütter in den ersten zwei Wochen nach der Geburt treffen könne. Dies sei dem plötzlichem Abfall des Östrogenspiegels geschuldet, der an der Psyche nagen könne. Ein ausgeprägtes Stimmungstief, das sich jedoch schnell wieder verliert.

Maria hatte so etwas nach Lucas‘ Geburt nicht bekommen, und hatte auch diesmal keine Angst davor. Sie hatte natürlich schon viele dieser „Horrorgeschichten“ gehört. Mütter, die ihre Kinder nicht lieben können.. Das  war für sie undenkbar. Sie sei schließlich eine gute Mutter. Und sie stillte ihre kleine Tochter, genauso wie das erste Kind. Denn das tun gute Mütter.

Die Probleme begannen nach fünf Wochen. So banal. Lara wollte plötzlich nicht mehr richtig trinken. Sie verschluckte sich ständig, hielt nicht still, trank nur noch fünf Minuten, obwohl es vorher 40 Minuten waren. Der Arzt meinte, dass das nur so eine Phase sei. Aber die ersten Selbstzweifel kamen auf. Solche Probleme hatte sie bei Lucas nie gehabt. Hatte sie es etwa verlernt?

Sie versuchte alles. Flaschen, verschiedene Milchsorten, die Brust, aber Lara trank einfach nicht mehr wie vorher. So ging das wochenlang. Sie konnte sich kaum noch um Lucas kümmern, den Haushalt vernachlässigte sie völlig. Ihr Mann war ihr einfach nur egal. Er versuchte sie zu unterstützen, massierte ihre Füße, sagte zum Zustand des Haushalts:  „Das ist doch kein Museum hier, hier wird gelebt.“ Aber er begriff nicht, was mit ihr geschah. Maria versagte als Mutter. Das war ihr plötzlich ganz klar. Sie fühlte sich maßlos überfordert und auch schuldig. Die Tage verschwommen für sie in einem einzigen Heulkrampf.

Ein Gedanke drängte sich ihr immer stärker auf. Zu Beginn noch ganz leise und immer von Schuldgefühlen begleitet. Später wurde der Gedanke immer lauter und erschien so vernünftig. Es war die Stimme ihrer Vernunft, die in ihrem Kopf sprach: „Lara muss weg. Dann wird alles wieder gut.“

Die Situation wurde immer schlimmer. Also entschloss sie sich, allem ein Ende zu machen. Sie würde gehen und ihre Tochter mitnehmen. Das sei der einzige Weg, ihre Familie zu retten. Also begann sie Pläne zu schmieden. Sollte sie von einem Haus springen? Nein, das war zu unsicher. Sollte sie vor einen Zug springen? Nein, diesen Anblick konnte sie ihrer Familie nicht zumuten.

Sie entschied sich Lara mit einem Kissen zu ersticken und dann eine Handvoll Tabletten zu schlucken. Als sie eines Nachts am Bett ihrer kleinen Tochter stand, nahm sie das Kissen in die Hand und drückte es leicht auf das Gesicht von Lara. Sie wollte einen Probelauf machen, nur um zu testen, ob sie es durchhalten würde. Ihr wurde klar, dass sie es schaffen würde. Der Plan stand fest.

Die Familie intervenierte. Ihr Mann entschloss sich, seine Frau in die Psychiatrie zu bringen. Die Wesensänderungen seiner Frau hatten ihn erschrocken. Es wurde eine postpartale Depression diagnostiziert. 10-15% aller Mütter sind nach der Geburt davon betroffen. Die Wahrscheinlichkeit eines Suizids steigt in den ersten Wochen nach der Geburt um 80%.

Maria wird von ihren Kindern getrennt und wird in der geschlossenen Abteilung untergebracht. Sie sagt heute, dass sie ihren Ärzten erklären wollte, dass ihr einziges Problem Lara gewesen sei. Wenn sie weg wäre, wäre alles wieder gut. Sie sei doch nicht krank.

Sie bekam starke Psychopharmaka. Diese Medikamente schalteten alle Ängste, Stimmen und Emotionen in ihrem Kopf aus. Endlich hatte sie ihre Ruhe. Das Sabbern und die Teilnahmslosigkeit nahm sie dafür gerne in Kauf. Die Ärzte entschlossen sich zu einen drastischen Schritt: Da die Depression schon so weit vorangeschritten war, wählte man die Elektrokrampftherapie. Martialisch, aber wirksam.

Es half ihr. Ihre Gedanken klarten langsam auf.  „Wie konnte ich nur glauben, dass jemand anderes als ich für das Kind sorgen könnte?“, fragt sie sich jetzt. In der Psychiatrie gewöhnen sich Mutter und Kind wieder an einander. Maria entdeckt wieder sich selbst. Sie trägt jetzt Ohrringe und Lippenstift. Und auch ihren Mann begehrt sie wieder, genießt seine Nähe. Wenn sie am Wochenende nach Hause fährt, sagt sie sich angesichts des chaotischen Männerhaushalts: „Wir sind ja nicht im Museum, hier wird gelebt.“
Und bald sind die Damen des Hauses ja wieder da.

 

Bild: via Flickr (by Afghanistan Matters)

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