MÄNNER IM ANZUG

Gepostet von am Mai 17, 2012 | Keine Kommentare

MÄNNER IM ANZUG

Seit etwa zweihundert Jahren verleiht der Anzug dem Mann jene allgemeingültige und figurunabhängige Grazie, die nahezu jeden, der ihn trägt, zumindest mit einer Grundform der optischen Würde ausstattet. Während sich die Grundform des klassischen Anzugs über Generationen hinweg nur marginal verändert hat, sind Gründe für das Tragen des selbigen nach dem gesellschaftlichen Umbruch Anfang der 60er Jahre heute ebenso vielfältig wie fragwürdig.

Mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Schnitt und Aufbau des Herrenanzugs, der durch seine simple Handhabung in Verbindung mit alltagstauglichem Komfort innerhalb eines Jahrhunderts nicht nur in der westlichen Welt große Verbeitung fand. Die Industrialisierung und der steigende Wohlstand ermöglichten auch einfachen Bürgern die Anschaffung, wodurch zumindest gewisse optische Grenzen im Begriff waren zu verschwimmen. Die Bevölkerung erschien zunehmend uniform. Anfang es 20. Jahrhunderts war der Anzug fester Bestandteil des männlichen und gesellschaftlichen Bildes. Obwohl er seit jeher Ziel maskuliner und öffentlicher Konventionen ist, überstand der Anzug, abgesehen von geringfügigen Anpassungen, diverse Stilrevolutionen und behielt seine Grundstruktur bei. Details und Bestandteile wie die Fliege, die Krawatte, das Revers, Manschettenknöpfe oder das Einstecktuch überdauerten die Generationen. Lediglich farbliche Trends, Kragenart, Form der Krawatte oder die Frage Hosenträger oder Gürtel unterlagen der Zeit und der Ausrichtung des allgemeinen Geschmacks. Der Anzug vermochte so jedem Träger ein gewisses Maß an Ordnung und Akzeptanz zu verleihen und das Bild der Öffentlichkeit bis Ende der 1950er Jahre zu prägen.

Anfang der 60er Jahre als unzählige bürgerliche Normen und für viele Menschen einhergehend auch Werte zu bröckeln begannen, wuchs der Drang der jungen Bevölkerung nach Individualismus. Das Wirtschaftswunder war in vollem Gange und die Werbeindustrie wuchs und wuchs. Eine nie dagewesene Produktvielfalt, Autos, musikalische Revolutionen und das Fernsehen als neues Leitmedium befeuerten, rückblickend auf fragwürdige Weise, den Wunsch nach Freiheit. Der Hut als tagtägliches Bekleidungsstück der Herren verkam zu einem der Vorzeigesymbole des Spießbürgertums und verschwand gegen Ende der 60er nahezu völlig aus dem öffentlichen Leben. Als Symbole der weiblichen Unabhängigkeit und eines neuen Selbstverständnisses gelten nach wie vor die Antibabypille, die ebenfalls in diesem Jahrzehnt die Zulassung erhielt, und, ganz offensichtlich und repräsentativ für die Modewelt, der Minirock. Die Herrschaften konnten sich unterdessen ebenfalls immer legerer und individueller kleiden, bis sich der Anzug innerhalb von nur zwei weiteren Jahrzehnten zu einem gruppenspezifischen Kleidungsstück entwickelte. Heute dominiert der Anzug das Straßenbild nicht mehr und ist für die breite Bevölkerung allenfalls Kleidung für besondere Anlässe. Gewissen Menschen hingegen ist der Anzug nach wie vor auf den Leib geschneidert. Für mich ein Grund sich einmal mit diesen Uniformierten zu beschäftigen.

Heute tragen nur noch einige wenige Männer täglich einen Anzug. Manche müssen es, weil es ihr Beruf voraussetzt und manche wollen es, weil sie eine Art Statement abgeben möchten. Die erste Gruppe ist in gleichem Maße Opfer Jahrzehnte alter, festgefahrener Strukturen wie auch ihrer selbst. Als gäbe es eine inoffizielle Vorschrift, wer am Arbeitsplatz einen Anzug zu tragen hat und wer nicht: gewisse Berufe scheinen mit diesem Stigma behaftet zu sein. Wenn ich mir nun aber vor Augen führe, wer sich heute noch in den Anzug hüllt, kommt bei mir die Frage auf, ob sich ein bestimmtes Klientel nicht vielleicht eher dahinter versteckt.

Versicherungsleute, Banker, Anwälte, Politiker, Mafiosi. Bis auf letztere, die Garden unserer Demokratie, auch wenn die Übergänge manchmal fließend scheinen. Wieso überkommt mich also ein Schauer, wenn ich mir diese Berufsgruppen so nüchtern vor Augen führe? Und ich bin mir sicher, ich bin nicht der einzige, dem es so geht. Meiner Meinung nach muss jede dieser Gruppen immer wieder auf’s Neue um Glaubwürdigkeit kämpfen. Aber warum, fragt man sich. Sollten diese Menschen nicht besonders loyal, respektvoll und vertrauenswürdig sein? Ja, sollten sie – aber sie sind es nicht, wie die Geschichte unzählige Male und im Zuge der Krise 2008 jüngst bewiesen hat. Wer so offensichtlich um Glaubwürdigkeit ringt und gegen den Missmut, gar Verachtung der Bevölkerung ansteht, versucht anscheinend wenigstens optisch jeden Makel von sich zu weisen. Ich zähle dazu nicht die Bürohengste der oberen Etagen des Mittelstandes oder die jungen Bankkaufmänner in ihren Kommunionanzügen. Diese sind allesamt millionenfache Opfer ihrer Berufswahl und des fragwürdigen Schicks, der damit einhergeht und weltweit Konferenzräume erfüllt. Launen- und temperaturunabhängig, bei drückender Hitze verlangt ihr Umfeld dieses eine vermeintlich unantastbare Erscheinungsbild. Auch wenn sich in einer Besprechungsrunde jeder einzelne nichts sehnlicher wünscht, als sich die Krawatte vom Hals zu reißen, wird es doch niemand tun, auch wenn keiner so recht weiß, warum. Es gehört sich eben so.

Selbstverständlich gibt es auch Büromenschen, die sich an ihren Anzügen und Krawatten aufgeilen und das Anzugtragen zur beruflichen Identität werden lassen. Diese Menschen sind meistens jedoch nicht mal besonders erfolgreich in ihrem Tun und lassen Mark Zuckerberg zumindest wegen einer Sache sympathisch wirken. Er ist einer dieser hochintelligenten, jungen Menschen, die niemals etwas auf die Konventionen der Geschäftswelt geben und so auch weiterhin als jüngster Selfmade-Milliardär in Sandalen oder Joggingschuhen Konferenzen und Pressetermin wahrnimmt. Undenkbar für viele drittklassige Nachwuchsmanager, die es trotz edler Garderobe nie in die Führungsetagen schaffen werden. Aber sie alle würden Zuckerberg nie auf sein Äußeres ansprechen, sich gar darüber echauffieren, weil sie allesamt vor seiner Leistung erstarren. Visionäre waren noch nie auf Nadelstreifen angewiesen. Besonders heute nicht, was viele der alteingesessenen Anzugträger natürlich nur zu gerne boykottieren würden, wie schon einst in den 60er Jahren. Aber die jungen Menschen im Anzug stehen der Rückständigkeit in nichts nach. Versucht mal einen Bankkredit für eine gute Geschäftsidee in Sandalen oder im Kapuzenpullover zu bekommen. Ihr werdet es schwer haben, weil man euch auf die Kleidung reduziert. Ein Wichtigtuer im Anzug hingegen hat mit einer schlechteren Idee unter Umständen bessere Chancen, wenn er sich nur gut verkauft. Seine Optik bietet keine Angriffsfläche. Man hört erstmal zu.

Das ist etwas, das die Piraten gerade sehr exemplarisch durchleben. Unkonventionell daherkommende Menschen, die Politik machen möchten. Das kommt beim Wähler, der sich immer weniger mit vagen Aussagen hinter teuren Sakkos identifizieren kann, gut an, was den “etablierten” Parteien zunehmend Angst macht. Die Politiker, die Broker, Rechtsverdreher und zwielichtige Vertreter und Versicherungsagenten sind die, die sich tatsächlich hinter einem Anzug verstecken müssen, um wenigstens noch den ganz einfach gestrickten Bürgern und den Omis unter der Bevölkerung etwas vorzugaukeln. Das Perfide ist nur, dass es immer noch funktioniert. Der Anzug hat auch in 200 Jahren nichts von seinem Glanz eingebüßt. Er wirkt noch immer schick, zeitlos und verleiht durchaus etwas Geordnetes, für manch einen Seriöses. In meinen Augen ein fataler Trugschluss.

Vom einfachen Mann als Symbol der Konformität einer Ära längst abgelegt, für Beerdigungen herausgekramt, von exzentrischen Selbstdarstellern in den Alltag entführt, nach Maß geschneidert oder von der Stange, Desigernlabel oder Billigversion, Smoking oder Frack, der Anzug lebt weiter in der Öffentlichkeit und daran scheint sich auch nichts zu ändern. Aber vielleicht ist es auch nur eine Frage des kollektiven Geschmacks, des Zeitgeistes. Die Kleidung der Menschen änderte sich schon immer und zurückblickend sind 200 Jahre keine lange Zeit.

Ein gut sitzender Anzug fühlt sich toll an und ist schön anzusehen. Jedoch sollte jedem Anzugträger bewusst werden, wenn gewisse Gefühle, die mit der positiven Selbstwahrnehmung einhergehen, auf die Kleidung zurückzuführen sind. Ich persönlich misse manche Aspekte aus der Zeit der öffentlichen Monotonie und der konformen Gesellschaft, erfreue mich aber auch an den Vorzügen der modischen Freiheit und Vielfalt. Individualität indessen hatte noch nie etwas mit Mode zu tun.

 

Bild: Annie Leibovitz via scoopsailors.files.wordpress.com
Slider: Andreas Feininger www.fotomuseum.ch

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