HAPTIK STATT HEKTIK

Gepostet von am Mrz 20, 2012 | 1 Kommentar

HAPTIK STATT HEKTIK

Einmal im Monat veranstaltet ein Freund von mir einen sogenannten Vinylabend in seiner WG.

Geladen wird ein kleiner Personenkreis, der nicht nur leidenschaftlich gerne Musik hört und/oder macht, sondern sich auch gerne angeregt über sie austauscht. Man trifft sich, isst und trinkt zusammen und hört gemeinsam Schallplatten, die von den Gästen mitgebracht werden.

Weil natürlich jeder der Anwesenden einen anderen Geschmack hat, ist die Auswahl sehr breit und jeder Einzelne hat die Möglichkeit, Neues oder Altes kennenzulernen. Ich selbst besitze keine Schallplatten, schreibe dem Medium aber die selbe Form nostalgischen Charmes zu, die vermutlich hauptverantwortlich für dessen leises Comeback in den letzten Jahren ist. Somit reiht sich die Schallplatte, wie auch Kleidung, Schuhe, Brillen und Haarschnitte, perfekt in eine derzeit bestehende Sehnsucht nach Althergebrachtem ein. Im Spiegel der aktuellen Zeit Deplatziertes, das neben der modernen, hochtechnischen oder zeitgemäßen Konkurrenz andersartig wirken soll. Wahrscheinlich nicht zuletzt auch um sich selbst ein Stück zweifelhafte Indiviualität zuzuschreiben.

Während des letzten Vinylabends dachte ich über die Zentralisierung traditioneller Medien und Ausdrucksformen auf dem Computer nach. Nahezu jedes ursprünglich handfeste Medium findet sich heute auf dem PC oder Laptop wieder, und wird seiner reinen Ursprungsform, durch Wegnahme der nötigen Basis und Technik oder durch Addition neuer Funktionen und Möglichkeiten, beraubt.

Diese Tatsache wirkt sich nicht nur wirtschaftlich auf unterschiedliche Branchen aus, sie verändert auch uns selbst, übt also einen großen gesellschaftlichen Einfluss aus. Die permanente Verfügbarkeit und der einfache Abruf verschiedener Informationen, Medien, der Unterhaltung und künstlerischen Ausdrucksformen an nur einem einzigen Punkt, dem heimischen PC, scheint uns zeitweise wortwörtlich an den Bildschirm zu fesseln, von den Handy- und Smartphone-Displays ganz schweigen. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sich die Köpfe in den Fußgängerzonen und im Bus vermehrt und versteinert nach unten neigen.

Musik muss nicht mehr auf einen Datenträger gespielt werden, um hörbar zu sein. Schallplatten, Kassetten und CDs wurden im großen Stil durch Dateiformate ersetzt. Inhalte der klassichen Printmedien wie der Tageszeitung, diversen Magazinen und vielen anderen Formen des gedruckten Wortes gleiten heute über unsere LCD-Bildschirme. Filme sind über Internet-Streams abrufbar, Fotos lädt man in digitalen Alben hoch. Die Zeiten der Diaprojektoren und der Fotoalben scheinen vorbei zu sein. Kameraaufnahmen bannt man nicht auf Filmen sondern auf Speicherkarten. Diese steckt man anschließend in den Rechner, die moderne Mediensammelstelle.

Fotos werden nicht zerschnitten und eingeklebt, sie werden gephotoshoppt. Platten werden nicht mehr ins Regal geräumt, stattdessen legt man Ordner auf der Festplatte an, und Seiten werden nicht geblättert, sie werden gescrollt. Jede Gegenmaßnahme, der bewusste Kauf von Medien in haptischer, altertümlicher Form, das Erstellen eines Bilderalbums mit Schere und Tesafilm, wird schon fast zu etwas besonderem, das man durchaus auch auf Facebook dokumentieren kann, womit wir auch wieder vor dem PC landen würden.

Häufig erscheint mir diese Form des Medienkonsum sehr emotionslos. Alles aus einer Hand zu bekommen, bedeutet auch, sich weniger mit anderen Methoden vertraut zu machen und auseinanderzusetzen. Bei aller Bequemlichkeit, Zeit- und Geldersparnis sollte man die Vorzüge analoger Medien gegenüber des datenträgerlosen Einflusses nicht außer Acht lassen. Das Durchblättern eines guten CD-Booklets, das erfordliche Wenden der Platte, das die Musik zu mehr macht als dem Gedudel im Hintergrund, das Lesen und Betrachten von hochwertigen Magazinen und Bildbänden oder das Einstecken des Lesezeichens in ein gutes Buch. Diese untrennbar mit dem Medium verbundenen Handlungen besinnen uns auf die vordergründige, ganz bewusste Wahrnehmung dessen, was wir in der Hand haben. Ein Gefühl, dass eine Computer-Maus nicht vermitteln kann. Die bloße Produktionsart nicht digitaler Medien sorgt für eine andere Wertigkeit der Botschaft. So genießt die Tageszeitung in Deutschland bei der Bevölkerung noch immer die höchste Glaubwürdigkeit aller Medien.

Hefte, Platten, Magazin, Bücher werden nach wie vor gerne gesammelt. Natürlich auch, weil es das Medium an sich erlaubt, aber auch, weil es ein für jedermann sichtbares Statement zur eigenen Persönlichkeit ist. Was wir konsumieren, definiert uns häufig, und kaum etwas trägt dies so gut nach außen wie ein handfestes Medium, wie beispielsweise die Zeitung unter dem Arm, das Buch auf dem Schoß oder die Platten im Regal. Dafür geben wir auch weiterhin gerne Geld aus. Wir verschenken, verleihen und empfehlen Bücher und Tonträger, auch mitunter, um damit etwas zum Ausdruck zu bringen, wie mit der CD, die man dem Partner zusammengestellt hat oder dem Buch, das man als absolutes Muss bezeichnet, weil einem die Botschaft am Herzen liegt. Ein versendeter Link oder eine gepostete Internetseite hat kaum die selbe Beständigkeit, geht beides doch rasch in der Schnelllebigkeit des Webs verloren. Nicht anders ergeht es oft den Songs, Texten und Videos, die sich lediglich in den Unmengen von Ordnern auf der Festplatte oder den ellenlangen Lesezeichenlisten befinden. Spätestens beim nächsten, irreparablen Defekt des Computers gehen viele von ihnen verloren und werden vergessen.

Mit den Platten und Wälzern ist es anders. Diese müssen spätestens beim nächsten Umzug in Kisten gepackt und geschleppt werden und spätestens dann weiß man, dass sie noch da sind und auch immer da bleiben werden.

 

 

 

Bild: via blindmelonsrock.blogspot.de

1 Kommentar

  1. Wem geht das auch so?
     
    Oft denke ich mir, warum soll ich mir überhaupt noch eine CD kaufen!? Es kostet viel Geld, und am Ende ist sie vielleicht sogar schlecht, trotz positiver Erwatungen… Dann lad ich sie mir runter, unter dem Vorsatz, wenn sie gut ist, kauf ich sie mir noch. Was dann passiert kann man sich schon denken… Selbst wenn sie gut ist, gerät mein Kaufvorhaben mehr und mehr in Vergessenheit!
     
    Vielleicht sollte ich mir auch einen Plattenspieler zulegen…
     

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