GESUNGENE GESCHICHTEN – HANNES WADER

Gepostet von am Jun 27, 2012 | Keine Kommentare

GESUNGENE GESCHICHTEN – HANNES WADER

Bedeutungsschwangere Texte gibt es heute in der Populärmusik nur selten. Gerade im deutschsprachigen Raum sind kommerziell erfolgreiche Künstler mit guten Texten rar gesät. Dabei ist gerade die deutsche Sprache so vielseitig und hat subjektiv einen wunderschönen Singsang. Deutsch kann sehr harrrrrrt, aber auch sehr weich sein, was gerade im kreativen Umgang mit dieser Sprache potentiell viele Pforten öffnet.

Neulich erlebte ich eine Situation, in der jemand Kinder mit dem “Wenn das alle machen würden”-Argument in unverhältnismäßigem Ton maßregelte . Woraufhin ein Freund von mir ironisch zitierte: “Wenn das alle machen würden, dann wäre der Tankerkönig bald weg vom Fenster mit Blick auf den See.”

Dieser Satz stammt aus dem 1972 erschienen “Tankerkönig” des deutschen Liedermachers Hannes Wader.
Bis auf Götz Widmann hatte ich bisher keinen Kontakt zu diesem Genre. Schon gar nicht zu Hannes Wader.
Ich hörte den Tankerkönig darauf hin und kaufte mir zunächst das Best-Of von ihm “Schon so lang – ’62-’92″.

Hannes Wader kommt aus einer Zeit, in der Deutschland immense studentische Bewegungen durchlebte und die RAF das Establishment in den Arsch trat. Wörter, wie Arsch waren im Fernsehen undenkbar. Und da kommt Wader ins Spiel. Im richtigen Kontext betrachtet vermittelt mir seine Musik (zumindest die bis Anfang der 90er) ein Gefühl von der Atmosphäre dieser Zeit. Er singt über Dinge aus dem Leben, über Liebe, über jugendliche Leichtigkeit und dessen Gegensatz. Er singt über Gefühle, die jeder von uns kennt, über’s Kiffen und Drogen nehmen, über das Establishment, ist herrlich metaphorisch und wirkt dabei doch pragmatisch. Er ist anprangernd und im höchsten Maße obrigkeitslästerlich, ohne jedoch hasserfüllt oder elitär zu wirken.

Klar, war mir “Heute hier, morgen dort” bekannt. Doch dieser Musiker, Wortakrobat, der mir den Zugang zu einem urigen Genre, mit aktuellen Inhalten verschaffte, bietet so viel mehr als bloßen Narrengesang, auch wenn der Humor sicherlich nicht zu kurz kommt. Oft, wenn man das Gefühl hat, es wird inhaltlich zu ernst, lockert Wader mit einer geschickt eingestreuten widerständischen Zeile die Atmosphäre.
Seine Musik erinnert mich etwas an Balu aus dem Dschungelbuch, der sich stets das nimmt, was ihm gefällt und das Leben mit einem Lächeln begrüßt. Nur ist Wader wohl mehr als ein kindlicher Bär. Er weiß genau, wie intensiv und intim die Wirkung von Melancholie sein kann. Auch Melancholie und Trauer kann lebensbejahend sein. Ähnlich wie gute Pointen.

Er erzählt atmosphärische Geschichten aus einer Zeit, die von Schwermut und Freiheit gleichermaßen geprägt war. Wer sich darauf einlassen kann, wird in diese Dekade eintauchen. Für den Anfang habe ich unten mal den “Tankerkönig” eingefügt.

 

Artikelbild: Lutz Reimer
Slider: Cover von Hannes Wader – 7 Lieder, Phonogram GmbH
Youtube: Der Tankerkönig, Hannes Wader – Aktive Musik Verlagsgesellschaft mbH, Dortmund.

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