Gesehen: THE FALL (2006)

Gepostet von am Mai 2, 2012 | Keine Kommentare

Gesehen: THE FALL (2006)

Der indische Regisseur Tarsem Singh hatte die Vision eines epischen Fantasy-Dramas. Das Problem: Er bekam seinen kunstvollen Drehbuchstoff nicht finanziert. Die Lösung: Schulden machen, elf Jahre vorbereiten, vier Jahre drehen und in über zwanzig Länder reisen.

Zeit und Ort spielen bei „The Fall“ auch über die eigene Genesis hinaus eine signifikante Rolle: Der semi-surrealistische Kunstfilm des eher mäßig bekannten Filmemachers ist verortet in den 1920er Jahren in einem im Kolonialstil gehaltenen Krankenhaus in Los Angeles, nicht weit entfernt von der aufkommenden Traumfabrik Hollywood. Filmgeschichtlich befinden wir uns in der Ära der Stummfilme: Roy ist Stuntman. Roy war Stuntman. Bei einer halsbrecherischen Szene nämlich ist er gestürzt, er ist ge“fall“en. Nun liegt er in einem Krankenhaus, scheinbar Querschnittgelähmt und mit dem Gedanken sich umzubringen. Durch den Unfall hat er zweierlei verloren: Die Fähigkeit zu laufen und die Fähigkeit geliebt zu werden.

Die kleine Alexandria, ein aufgewecktes, extrovertiertes Mädchen, das gerade dabei ist das Englische zu beherrschen (sie stammt nicht aus den USA), ist auch gestürzt. Beim Orangenpflücken hat sie sich den Arm gebrochen und macht seither die Korridore des Krankenhauses unsicher. Nicht lange dauert es, da wird Alexandria zufällig auf den bettlägerigen Roy aufmerksam. Der, nicht im Stande seine Liege zu verlassen, schließt Freundschaft mit der Kleinen. Er erzählt ihr, zuerst um sich die Zeit zu vertreiben, eine ausgedachte Kurzgeschichte über Alexander den Großen, ehe er erkennt, welche Wirkung seine Fantasterei auf die Imagination eines Kindes hat. Eine Abenteuergeschichte soll Alexandria dazu bringen, ihm zu vertrauen. Er instrumentalisiert das unschuldige Mädchen, zwingt sie geradewegs dazu, ein Fläschchen Morphium aus dem Medizinschrank der Schwestern zu stehlen. Mit den Pillen nämlich kann Roy der Welt Lebewohl sagen.

„The Fall“, so heißt es fast ausschließlich, sei ein ausnahmslos schöner Film. Ein Film, der im Grunde nur von seiner Bildgewaltigkeit lebt, von seinen visuellen Ideen, seinen kunstvollen Montagen, den atemberaubenden Kulissen und farbenfrohen Naturpanoramen. Das ist zum Teil richtig. Singhs einzigartiges Fantasy-Epos ist tatsächlich wunderschön, jeden Frame möchte man einrahmen und sich an die Wand hängen. Inhaltlich sei der Film belanglos, bedeutungslos, und, wenn wir uns schon in diesem Genre befinden, nicht annähernd so komplex wie Guillermo Del Toros visueller Gegenentwurf „Pans Labyrinth“. Das, wiederum, ist nicht ganz richtig. Der „Pan“-Stoff, der großartig das Nachwirken der franquistischen Repression in Beziehung mit dem eskapistischen Fantasieren eines von den gesellschaftlich-historischen Umständen gebeutelten Mädchens setzt, ist durchaus vielschichtiger und diffiziler. „The Fall“ jedoch Simplizität zu unterstellen wäre daneben.

Die Geschichte um die freundschaftliche Beziehung eines suizidgefährdeten Stunt-Darstellers und eines ausländischen Mädchens spielt sich auf zwei Erzählebenen ab. Die reale Ebene spielt in den Mauern des Krankenhauses, am Schlafgemach des depressiven Roy. Dort, wo die imaginären Ketten den ehemaligen Schauspieler ans Bett fesseln, wird das Tor zu einer weiteren Welt geöffnet, einer fantasierten. Beide Ebenen, die reale und die fiktionale, gehen, zumindest erzählerisch, ineinander über. Die Abenteuergeschichte, die Roy der kleinen Alexandria vorträgt, verknüpft fiktive Einfälle mit Gegebenheiten und Personen aus dem Krankenhaus. Der Fortgang der Erzählung um eine Bande Ausgestoßener (ein Bandit, den Roy darstellen soll, ein dunkelhäutiger Ex-Sklave, ein italienischer Explosionsspezialist, ein indischer Kämpfer und eine Quasi-Version vom jungen Charles Darwin; sie alle schwören Rache am bösen Gouverneur Odios) gerät in Abhängigkeit mit dem Gemütszustand Roys.

Wenn Roys Depressionen Überhand gewinnen, nimmt die von ihm vorgetragene Geschichte einen tragischen Verlauf. Er übersetzt seine Hilflosigkeit, seine Trauer, seine Einstellung zum Leben in eine narrative Metapher, wie sie ein Kind nie zu verstehen vermag. Roy weiß, er ist der Gott seiner Erzählung: Er kann laufen, er kann handeln, und er kann töten. Der sowohl in physischer als auch psychischer Hinsicht gefallene Mann durchbricht mit der Kraft der Erzählung die Grenzen der Natur. Allerdings nur so lange, wie er sich in seiner eskapistischen Welt, die gleichzeitig auch ein gegen Alexandria gerichtetes Instrumentarium darstellt, befindet. Roy aber ist kein Unmensch. Er ist verzweifelt, lebensmüde. Entscheidungen sind für ihn Kämpfe. Entscheiden, das heißt Leben oder Sterben. Im Grunde hält ihn nur noch die Freundschaft zu Alexandria davon ab, sich umzubringen. Für Alexandria, die ihren ermordeten Vater sterben sah, ist Roy ein Ersatzvater, eine Vertrauensperson. Stürzen, also, heißt hier Leiden. Freundschaft, und das macht „The Fall“ unter anderem so wahrhaftig, heißt Leben.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *