Gesehen: PROLETARISCHE TRILOGIE

Gepostet von am Apr 10, 2012 | Keine Kommentare

Gesehen: PROLETARISCHE TRILOGIE

In den Filmen von Aki Kaurismäki wird wenig gesprochen. Fast alles, was uns der Finne zu erzählen hat, wird in eine außergewöhnlich schnörkellose Bildsprache übersetzt, die derart authentische und realistische Bilder eines heruntergekommenen Milieus entwirft, dass man ihr eine gewisse Anti-Ästhetik unterstellen kann. Vor allem in den Filmen seiner „Proletarischen Trilogie“, die tragische Einzelschicksale gesellschaftlicher Außenseiter der Arbeiterklasse thematisiert, entfaltet dieser bewusst verweigerte Stilwillen eine gewaltige Wirkung. Vor dem Hintergrund einer vorherrschenden Industrialisierung Finnlands und ganz besonders Helsinkis erzählt Kaurismäki in seinen Filmen „Schatten im Paradies“, „Ariel“ und „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die zwar inhaltlich nicht aufeinander aufbauen, allerdings derart thematisch und inszenatorisch verbrüdert sind, dass sie einen gemeinsamen Episodenfilm ergeben könnten, vom tristen Leben dreier Menschen aus der Arbeiterschicht, die das Pech für sich gepachtet haben: Der einsame Müllwagenfahrer Nikander, der sich in die arbeitslose Supermarktkassiererin Ilona verliebt, der ebenfalls arbeitslose Taisto, der nach Helsinki fährt, um ein neues Leben zu beginnen und die in einer dysfunktionalen Familie lebende Iris, die auf der Suche nach der wahren Liebe zur verzweifelten Mörderin wird, sie alle suchen einen Weg aus der gesellschaftlichen Verdammnis, sie alle sehnen sich nach einem neuen Leben, nach Liebe und Zuneigung. Die Welt, die Kaurismäki nach reellen, aber unbestimmten Vorbildern entworfen hat, ist ausnahmslos pessimistisch: Nur die Überschreitung und Brechung moralischer und gesetzlicher Grenzen, nur die sprichwörtliche Flucht aus einer industrialisierten, kommunikationslosen Hölle führt in ein „freies“, ein scheinbar glückliches Leben. Wenn Kaurismäki also von Armut spricht, von Unterschicht und Einsamkeit, dann verknüpft er auf metaphorische Weise diese Begriffe eng mit der fortschreitenden Industrialisierung der Wirtschaft: Die seelenlosen Maschinen, die von seinen Figuren bedient und kontrolliert, und die von Kaurismäki bewusst ins Bild gerückt werden, funktionieren, sie verrichten Automatismen, genauso wie Nikander, Taisto und Iris, die ebenfalls nur funktionieren statt zu leben. Eine besorgniserregende Assimilation. Die Hilflosigkeit und Verzweiflung dieser abtrünnigen Personen drückt sich zudem in ihrem nicht vorhandenen Willen zur Konversation aus: Worte sind hart, sie verletzen und beleidigen, sie schaffen Ärger. Aki Kaurismäki inszeniert all das auf eine derart lakonische, eine derart zynische, aber veritable Art, dass man über den schiefen Verlauf des Lebens allenfalls nur lachen kann.

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