DUMMGEKLICKT

Gepostet von am Jul 4, 2012 | 1 Kommentar

DUMMGEKLICKT

Meine Startseite variiert seit kurzem, was so etwas wie meine webbasierte Persönlichkeitsevolution bedeutet. Nach vielen Jahren, in denen die Google-Maske meinen Browserstart dominierte, kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich frei bin. Frei und dummgeklickt. Wenn ich ins Internet gehe, und dabei ist es fast egal von welchem PC aus, ist meine erste virtuelle Anlaufstelle Facebook. Diese Tatsache ist mir bewusst und ich halte sie für absolut bedenklich bis erschreckend. Allerdings scheint mir das nur die Spitze eines gefühlskalten Eisbergs zu sein, der da im Netz herumtreibt. Tatsächlich haben die Emotionen, die wir im Netz zum Ausdruck bringen, nur bedingt Bezug zur Realität. Die Frage ist: Was bedeutet LOL?

Der Begriff LOL  – “Laughing Out Loud” – ist heute alltagstauglich und bekannt. Er steht im Duden und wird manchmal sogar ausgesprochen. Die Abkürzung LOL verbreitete sich mit dem Netz, und wie das Internet selbst, über den gesamten Globus. Es gibt allerdings ein großes Problem mit diesem kleinen “Wort”. Es wurde nur geschaffen, um eine Emotion auszudrücken. Eine Emotion, die wir aber meistens gar nicht haben, wenn wir LOL schreiben. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber wenn ich LOL schreibe, ob groß oder klein, ob “loooooool” oder “lololololol”, sieht mein Gesicht meistens so aus: :-|

Ich glaube ehrlich gesagt, dass es vielen so geht, es aber etwas ist, worüber man nicht spricht, weil es eine peinliche Widersprüchlichkeit unseres Verhaltens offenbart. Natürlich kann man diese Diskrepanz zwischen “Netzemotion” und des körperlichen Ausdrucks noch steigern, indem man z.B. ROFL oder LMFAO schreibt. Es gibt keine Grenzen im Netz. Es geht immer noch einen Schritt weiter. Nach oben oder nach unten.

Ein gutes Beispiel für “nach unten” ist das Image Board “4chan” mit dem verufenen Thread Random, auch als /b/ abgekürzt. Wer sich in die Tiefen von 4chan begibt, konfrontiert sich nahezu ausschließlich mit verstörenden Inhalten, die teilweise in einem solch geringen Maße miteinander in Verbindung stehen, dass es nur umso verstörender wirkt. Beispielsweise wenn auf das Bild einer Unfallleiche eines von My Little Pony und darauf eine nackte Frau und anschließend eines von Hitler folgt. Das, liebe Menschen, ist das Internet. 4chan hebt, auch durch Anonymität, jegliche Konventionen des Internets und auch der Menschlichkeit auf. Es gibt keine Grenzen, kein Gut, kein Böse, sondern nur den User. Und davon gibt es viele, denn 4chan befindet sich trotz oder wahrscheinlich eher wegen des Inhaltes auf Platz 933 aller Internetseiten. Gibt das einen Rückschluss auf uns, den Menschen, als User?

Dass es immer noch einen Schritt weiter geht, zeigt das Phänomen der “Internet Memes“. Comics, die mit Paint gezeichnet wurden, Bilder von Menschen oder Filmausschnitte, zu denen Texte bzw. Aussagen verfasst werden, die die verschiedensten menschlichen Emotionen wiedergeben sollen und sich nicht selten darüber lustig machen. Von lustig über derb bis menschenverachtend ist hier nahezu alles vertreten. Je nachdem wo man sucht. Ein gutes Beispiel für den Einfallsreichtum der Geeks sind zum Beispiel die Balotelli-Varianten, die nur Stunden später im Netz zu finden waren. Man fragt sich, Warum? Aber man klickt immer weiter und irgendwann muss man einfach lachen oder eben lol schreiben.

Der Aufruf der Seite 9GAG ist für mich so eine Art Glas-zum-Mund-Bewegung geworden. Hier werden ständig (angeblich) lustige Bilder gepostet, deren Humor man allzu oft erst noch verstehen lernen muss. Diese Tatsache geht immer verstärkter einher mit der Nutzung gewisser Seiten und der Netzkultur im Allgemeinen – Tauche ein und werde ein Teil davon oder lass es. Nerdism und Insiderhumor erfordern nicht nur Zeit und Verständis, oft, so krank oder flach deren Resultate auch sein mögen, erfordern sie vor allem eine gewisse Intelligenz und Selbstreflektion, um überhaupt als unterhaltsam wahrgenommen werden zu können.

Teilweise hält die Netzsprache oder der Netzhumor sogar Einzug ins RL (Real Life/Reales Leben), was man an der manchmal inflationären Nutzung von Worten wie “epic” bzw. “episch”, “awesome”, Sätzen wie “Like a boss“, “Seems legit“, “True Story” oder “One does not simply…” und vielen weiteren feststellen kann. Von Dingen wie Planking fange ich gar nicht erst an. Das Netz erobert die Realität, nicht die Realität das Netz.

Was bedeutet es aber, wenn ich mir durch Communities wie Facebook und Seiten wie 9GAG nahezu unbegrenzt und zu jeder Gelegenheit Ablenkung, Beschäftigung, Kommunikation oder einen Lacher verschaffen kann? Ich bin der Meinung, dass uns die immer größer werdende, digitale Flut von was auch immer, vor allem allerhand krankem Scheiß, und die ständige, auch eigene, Verfügbarkeit mit der Zeit abstumpfen lässt. Wer viel Zeit im Internet verbringt und dabei die Welt um sich herum vernachlässigt, kann sich sprichwörtlich dummklicken. Der Konsum von Inhalten, nur des Konsums wegen, erzeugt zwangsläufig Gleichgültigkeit dem Inhalt gegenüber. Wenn ich mehrfach am Tag durch das Internet surfe und dabei immer wieder die selben Seiten aufrufe, nur um zu sehen, was sich dort getan hat, dann habe ich möglicherweise ein Problem damit, meinen Tag anderweitig sinnvoll zu gestalten. Wenn ich mir auf 4chan tagtäglich Leichen oder halbnackte Kinder anschaue, werde ich diese Inhalte irgendwann als völlig legitim betrachten und als Konsequenz des Internets abtun. Wer tagtäglich nach Unterhaltung auf 9GAG lechtzt, die Seite auf und ab scrollt, wird zwangsläufig immer weniger lachen und sich nur noch emotionslos von einem kleinen Restfunken des Lachens zum Nächsten klicken.

Das Klicken wird zum Zeitvertreib, wie der Aufenthalt auf Facebook. Wenn ich manchmal schaue, wer von meinen Freunden “gerade online” ist, mache ich mir hin und wieder bewusst, dass sie in diesem Moment genauso wie ich, wohl mehr oder weniger sinnlos, am Computer sitzen. Sie sitzen da und hoffen vielleicht, dass etwas passiert. Eine neue Statusmeldung oder ein neuer Like, einfach irgendwas, das zum Klicken auffordert. Der Blick fällt auf den Chat, aber jemanden grundlos anschreiben? – Irgendwie needy.

Wie viele der Chatgespräche werden ohnehin nur der Beschäftigung halber begonnen. Ich erinnere mich an viele Gespräche mit Freunden, aber kaum an einen Chat. Wie geht es euch? Wir missbrauchen die virtuelle Kommunikation teilweise. Sei es am PC oder mit dem Smartphone, aber das ist ein anderes Thema.

Es wird geklickt und aktualisiert, weil und wenn uns langweilig ist. Der Beifang aus dem Netz verendet irgendwo in unseren Hirnwindung, bis er als unglaublich bescheuerte Äußerungen und “lustige” Internet-Zitate unkontrolliert aus so manchem Mund kommt. Glaubt ihr nicht? Dann verbringt mal einen Tag in meiner WG. Ich lebe dort jetzt seit fast zwei Jahren und kann heute über einen Furz lachen – lang und laut *lololololol*

 

 

1 Kommentar

  1. Rofl du hast lol gesagt.
     
    Übrigens lache ich auch vollkommen alleine in explosionsartigen Schüben die Nachbarn aus den Betten. Gar kein Problem. Es muß nur lustig sein.

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