AUF DEM RECHTEN HIRN BLIND

Gepostet von am Nov 25, 2012 | Keine Kommentare

AUF DEM RECHTEN HIRN BLIND

Der Patient sieht eigentlich ganz normal aus. Sein Gesicht ist symmetrisch, keine herabhängenden Mundwinkel, keine ungleich großen Pupillen. Seine Stirn kann er in Falten legen und wenn man ihn bittet, seine Backen aufzublasen oder die Zähne zu zeigen, bekommt er das auch problemlos hin.

Also hat er keine Lähmungen im Gesicht und auch keine Ausfallerscheinungen, die auf einen Schlaganfall deuten könnten. Oder etwa nicht? Laufen und Arme benutzen kann er auch.

Aber irgendwas stimmt nicht. Wenn man ihm die Anweisung gibt, beide Arme zu heben, tut er das. Aber während des Gesprächs fällt auf, dass er alles mit der linken Hand erledigt. Gestikulieren, Trinken, Dinge zeigen.. Alles mit Links. Der rechte Arm ruht reglos im Schoß des Patienten. Wenn man ihn auffordert, auch diesen Arm zu benutzen, tut er das. Das scheint keine Lähmung zu sein. Ganz so, als würde er diesen Arm einfach nur zwischenzeitlich vergessen

Wie es in der Klinik üblich ist, überrascht man den Patienten beim Mittagessen. Und ein Blick auf den Teller des Patienten zu werfen lohnt sich. Und zwar nicht wegen der kulinarischen Köstlichkeiten.
Unser Patient scheint nur Gefallen am Essen auf der linken Seite seines Tellers zu finden. Die rechte Seite des Tellers lässt er unberührt. Auf eine Nachfrage, ob er satt sei, reagiert er unbestimmt.
Also drehe ich den Teller um 180°, sodass jetzt links rechts ist. Der Patient guckt kurz ungläubig, und isst weiter mit offensichtlich großem Appetit.

Hat er eine Sichtfeldeinschränkung? In den Tests zeigt sich, dass er diese nicht hat. Er kann durchaus das gesamte Gesichtsfeld sehen. Nur scheint er gelegentlich die eine Seite zu vergessen und nicht zu beachten.

Angesprochen auf diese Beobachtungen, reagiert der Patient mit Unverständnis. Er könne sehr wohl den ganzen Raum sehen. Und ebenso könne er beide Arme benutzen. Ihm komme alles ganz normal vor. Also Zeit für Tests.

Ich bitte den Patienten eine Uhr und ein Haus zu malen.

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Mit dem festen Gesichtsausdruck eines Menschen, der glaubt die Aufgabe problemlos erfüllt zu haben, übergibt er mir diese Zeichnungen. Offensichtlich vernachlässigt der Patient die rechte Seite, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Erst jetzt fällt mir auf, dass der Dreitagebart auf der rechten Gesichtshälfte eher ein Fünftagebart ist.

Bei diesem Patienten liegt eine Störung der Aufmerksamkeit, meist durch eine Blutung in einem bestimmten Teil des Gehirns hervorgerufen, vor. Also ein Neglect durch Schlaganfall. Auch wenn zunächst keine typischen Zeichen des Schlaganfalls vorliegen und man bei der Symptomatik allzu schnell auf einseitige Blindheit tippen würde.

Bei der Erforschung dieser Krankheit war die Geschichte der „Split-Brain“ Patienten wegweisend. Die zwei Gehirnhälften haben bekanntlich recht gut verteilte Aufgaben. So ist meist das Sprachzentrum links verortet, während die sensiblen Tasteindrücke der einen Hand jeweils in die kontralaterale Gehirnhälfte laufen. Was du mit geschlossenen Augen in der linken Hand hältst, erkennt deine rechte Gehirnhälfte und andersrum.
Um bei Epilepsie-Patienten das Übergreifen des Anfalls von der einen Gehirnhälfte auf die andere zu verhindern, wurden früher die Verbindungsbahnen zwischen den Hirnhälften durchtrennt. Und tatsächlich: Die Epilepsie blieb auf einer Seite. Und Ausfallerscheinungen fielen bei diesen Patienten zunächst auch nicht auf.

Hält dieser Patient jedoch sein rechtes Auge zu, und bekommt einen Gegenstand wie einen Ball gezeigt, kann er diesen Gegenstand nicht benennen. Die Information des Gesehenen gelangt vom linken Sichtfeld zum rechten Gehirn, kann jedoch von hier aus nicht zum Sprachzentrum auf der linken Seite gelangen. Die Verbindung ist gekappt.

Der Patient weiß ganz genau, was das ist. Er kann die Funktion beschreiben, was man damit macht, die Form beschreiben… Den Namen kann er nicht aussprechen.

Geben wir jetzt den Ball in seine linke Hand: Die Situation ist unverändert. Der Patient ist frustriert: Er weiß doch, dass das ein Ball ist, aber das Wort will ihm nicht über die Lippen gehen.

Wir erlösen ihn: Sobald er den Ball in seine rechte Hand nimmt, schießt ihm das Wort „Ball“ förmlich über die Lippen. Die Sinneseindrücke der rechten Körperseite gelangen schließlich in die linke Hirnhälfte, die Seite des Sprachzentrums.

Es geht noch spannender: Bitten wir diesen Patienten (dessen Gehirnhälften nicht miteinander kommunizieren können und der momentan nur mit links sieht), aus einer ganzen Palette von Gegenständen jenen zu ertasten, der dem gesehenen Gegenstand entspricht, gelingt das nur mit der linken Hand. Mit Links kann er sofort einen Ball ertasten und vorzeigen. Der Seheindruck, das Erkennen, das Anschließende tasten und Zeigen: Alles spielt sich schließlich in der gleichen Gehirnhälfte ab.

Direkt im Anschluss sucht er jedoch mit der rechten Hand, ohne den Ball als das gesuchte Objekt zu erkennen. Die rechte Hand hat keine Informationen, über das Wissen des rechten Gehirns. Auch wenn sich der Patient absolut über die Beschaffenheit bewusst ist.

Je mehr man sich mit der Neurologie beschäftigt, die Abläufe und die Anatomie kennenlernt, desto größer wird das ganze Mysterium. Irgendwie paradox.

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*Einiges habe ich vereinfacht dargestellt, was dem Fachmann sicher auffallen wird. Ich bitte das jedoch im Sinne der Verständlichkeit zu entschuldigen.

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Bild: zeaby.com

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