ANTISEMIT SRSLY?

Gepostet von am Sep 26, 2012 | 2 Kommentare

ANTISEMIT SRSLY?

Von Hake

Ab wann ist man Antisemit?

Politische Diskussionen, auch unter Freunden, können manchmal ein wenig ausarten. Bei vielen Themen ist es möglich, dass es mindestens zwei Meinungen gibt. Dann gibts noch Themen, bei denen man einer Meinung sein kann, beispielsweise beim populären Amerika-Bashing. Und dann gibt es noch einen Themenkomplex, den man unter Freunden anscheinend auslassen sollte: Israel.

Wer in der letzten Woche die Nachrichten verfolgt hat, dürfte von der Kontroverse um Judith Butler mitbekommen haben. Butler gilt als Vordenkerin der Gender Studies und ist in den USA als Professorin für Rhetorik und Komparatistik tätig und gilt als eine der bedeutensten Philosophinnen unserer Zeit. Auch mir kam Sie im Studium unter. Sie wurde, als erste Frau überhaupt, mit dem Theodor W. Adorno Preis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet. Zudem ist Butler Jüdin.

So weit, so gut.

Butler ist aber auch Mitglied des Bundes „Campaign of Boycotts, Divestment and Sanctions against Israel“ (BDS), wo sie zusammen mit anderen Wissenschaftlern offen zum Boykott kultureller und akademischer Institutionen in Israel aufruft. Richtig zu dampfen begann die Kacke aber erst nach ihrer Aussage im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung an der Uni Berkeley vor über sechs Jahren. Auf die Frage, ob sie die Hamas und Hisbollah zur „globalen Linken“ zählen würde, antwortete Butler: “Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important“. Auch wenn die Aussage aus dem Kontext gerissen ist, stellt sich hier natürlich die Frage, ob eine solche Aussage als Sympathiebekundung für terroristische Organisationen zu verstehen sind.

Die Anschuldigung, Antisemit zu sein, ist meiner Meinung nach mit das Schlimmste, was einem aufgeklärten und gebildetem Menschen vorgeworfen werden kann, da es bedeutet, dass man nicht nur historische Begebenheiten ausblendet und zudem ein unmenschliches Menschenbild hat, sondern einer ganzen Religion und ihren Anhängern aus rassistischen Motiven die Existenzberechtigung abspricht und damit ganz in Tradition der Nationalsozialisten steht.

Genau das wird aber Judith Butler vom Zentralrat der Juden vorgeworfen: Butler als Preisträgerin gehe gar nicht da sie laut Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, eine ausgewiesene „Israel-Hasserin“ und aufgrund ihrer „moralischen Verderbtheit“ des Preises nicht würdig sei.

Die Vorwürfe gegen mich, als denjenigen, der den Preis für Butler verteidigt hat, waren zwar nicht so krass formuliert, aber latenter Antisemitismus wurde mir dennoch indirekt bescheinigt.

Warum aber habe ich mich in diesem Fall auf die Seite von Butler geschlagen?

Nicht wegen ihres großen Verdienstes für die Wissenschaft (dafür kenn ich mich zu wenig mit ihren Werken aus), sondern weil ich es als unerträglichen Zustand empfinde, wenn eine Person X keine Kritik an der Regierung von Land Y äußern kann, ohne dafür zur absoluten persona non grata erklärt zu werden. Ich sage hier ganz bewusst Person X und Land Y, weil ich denke dass es in einer Demokratie (und dabei spielt es keine Rolle, ob es um Frankreich, die USA, Polen oder eben Israel geht) nun mal nicht angehen kann, dass man seine eigene Regierung nicht kritisieren darf, ohne das gleich das ganze Lebenswerk der Kritikerin ignoriert wird und sich auf Aussagen beruft, die weder bedeuten, dass sie weder Solidarität mit der Hisbollah noch feindlich gegenüber Israel eingestellt ist. Sie hat nicht Sympathie für Gewalt – auf beiden Seiten – bekundet.

Butler kritisiert nicht die Juden, nicht das Land Israel als homogene Einheit, sondern das Verhalten der israelischen Regierung! Sie ist mit der Siedlungspolitik als auch dem Verhalten der Regierung im Konflikt mit dem Iran unzufrieden und äußert dies. Was ist daran falsch? Das sie die oben zitierten Aussage nicht revidiert, sondern genauer erläutert hat und weder Zionistin noch Antizionistin ist und die Gleichsetzung von Judentum = Israel ablehnt?

Was bedeutet das für die Verfassung eines Staates, wenn Sie als Wissenschaftlerin und Philosophin keine Kritik an der demokratischen Regierung dieses Staates üben darf, ohne gleich als Staatsfeind symbolisiert zu werden?

Meiner Meinung nach ist das ein alarmierendes Signal. Es darf nicht sein, dass man als kritischer Beobachter, zu dem ich zweifelsohne auch denjenigen zähle, der mir latenten Antisemitismus vorgeworfen hat, gewisse blinde Flecken in der Wahrnehmung offenbart, wenn es um den Staat Israel geht. Jemand, der sonst unrechte Umstände erkennt und benennt, darf nicht die Augen verschließen, wenn es um Israel geht. Auch die israelische Regierung muss sich, genauso wie jede andere Regierung, Kritik gefallen lassen – eine historisch bedingte Blankovollmacht, die der israelischen Regierung immer Recht gibt, darf es nicht geben.

 

 

 

2 Kommentare

  1.  
    Ich bedanke mich ausdrücklich für diesen Gastbeitrag. Ich habe es selbst schon oft erlebt, dass mir jeder Menschenverstand aberkannt wurde, weil ich israelkritische Äußerungen machte. Auf die Butlerkontroverse wurde ich aufmerksam, weil ich via FACEBOOK zu einer Antidemo vor der Kirche in Frankfurt eingeladen wurde, in der die Adornoverleihung stattfand. Ich habe mir den Text durchgelesen und gedacht: WTF!! Verschiedene Organisationen hatte dazu aufgerufen und einige meiner Bekannten sind diesen Aufrufen auch gefolgt. Anscheint reicht es schon,  jemand mit dem Antisemiten-Ruf zu brandmarken, um eine Demonstration zu veranstalten. Ich halte den Zentralrat der Juden für eine sehr wichtige Institution. Jedoch müsse diesen die Verantwortlichen dieser Institution aufpassen, dass man sie in Zukunft noch ernst nehmen kann. Oft habe ich (und auch andere) das Gefühl sie schießen mit Kanonen auf Spatzen und fungieren eher als Gedankenpolizei und faschistoide (sorry für den Begriff) Lobby. Für Menschen, die es als ein Stück demokratischer Freiheit betrachen, ihre Meinung äußern zu dürfen, ist es auf dauer sehr schwer eine allgemein soziale Einstellung hinter dieser Organisation zu erkennen. Also lieber ZdJ: „Feuert euren PR-Chef und denkt euch mal ein neues Konzept aus, mit dem ihr ein bisschen mehr Anerkennung und Respekt findet!“
    over and out
     

  2. Wie in Großbritannien, Skandinavien, Kanada und den USA unterstützen auch in Frankreich die Linken den Kampf der Palästinenser gegen die israelischen Besatzer. In Deutschland überzieht die Partei Die Linke derweil ihre linken und also palästina-solidarischen Mitglieder mit Unflat. Sie wird darin ersaufen.

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